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Qualität und Quantität

Berlin ist ein wichtiger Wissenschaftsstandort, den es zu fördern gilt. Entscheidend ist hierbei aber nicht nur die Vielfältigkeit sondern auch die Qualität der Forschung.

21. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin in der 16. Wahlperiode in der Aktuellen Stunde zu »Berlin als Hauptstadt der Innovationen – Schwung der Exzellenzinitiative für Wissenschaft und Forschung nutzen« und »Landesfinanzierung für die ausgewählten Berliner Exzellenzprogramme jetzt zusagen!«


Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Pflüger, Sie entwickeln sich zu einem Generalisten. Wenn jetzt auch noch Quantität in Qualität umschlägt, dann können wir vielleicht davon noch Profit schöpfen. Im Wissenschaftsausschuss habe ich Sie noch nie gesehen.

Bereits im ersten Koalitionsvertrag dieser rot-roten Koalition 2002 hatten SPD und Linke zur Wissenschaftspolitik formuliert:
Die Forschungslandschaft in Berlin lebt von ihrer Exzellenz und Vielfältigkeit und einer effektiven Verzahnung zwischen anwendungs- und grundlagenorientierter Forschung in Technik, Naturwissenschaften, Medizin sowie Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Zur Steigerung der Innovationskraft von Wissenschaft sollen zukunftsfähige Forschungsthemen gebündelt und Spitzenforschung auch im internationalen Vergleich durch günstige Rahmenbedingungen und die Zusammenarbeit von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Unternehmen und gesellschaftlichen Einrichtungen in diesem wichtigen Handlungsgebiet vorangebracht werden.
Um ein konkretes Beispiel dafür zu nennen, dass diese Politik auch Früchte trägt, zitiere ich noch einmal aus dem Koalitionsvertrag von 2002:
Die Grundsatzentscheidung über den Linearbeschleuniger BESSY II wird noch in dieser Legislaturperiode vorbereitet.
Am Montag nun konnte Senator Zöllner mitteilen: BESSY wird zum Jahresanfang 2009 Helmholtz-Zentrum. – Das ist ein weiterer großer Erfolg unserer Forschungspolitik in dieser Stadt.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Wir stehen also mit der aktuellen Debatte in einer durch Rot-Rot begründeten erfolgreichen Kontinuität vorausschauender Wissenschafts- und Hochschulpolitik, in die sich auch das Ergebnis des Exzellenzwettbewerbs einordnet. Durch den Erfolg der Berliner Universitäten fließt zusätzliches Geld für Wissenschaft und Forschung in diese Stadt. Natürlich hat dieser Senat bereits seinen Anteil an der Finanzierung gesichert. Insofern betreibt die CDU mit ihrem Antrag 16/0968 über die Landesfinanzierung der Zusagen mal wieder ihre Lieblingssportart: Wir rennen offene Türen ein, und das mit Vehemenz.

Nach den Feiern sollte nun schnell wieder nüchterner wissenschaftspolitischer Alltag einkehren. Es gibt ja einiges zu tun, und es gibt keinen Anlass für niemanden, als quasi Gestalt gewordene Exzellenz aufs hohe Ross zu steigen.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Erfolg braucht, bitte schön, auch immer Bodenhaftung, und niemand möge nun abheben.

Zur nun so oft strapazierten Exzellenz gehört allerdings auch die Fähigkeit zu einer realistischen Einschätzung des selbst Geleisteten und des eigenen Verdienstes und dessen, was von anderen geleistet wurde und von außen geleistet werden musste, um dieses auch zur Geltung zu bringen. Da möge man auch auf die Zwischentöne zur Exzellenzentscheidung achten, die Senator Zöllner zum Beispiel im Hauptausschuss hat anklingen lassen und die so deutlich waren, dass man sie eigentlich auch im Dahlemer Ortsteil Elysium hätte hören können: Die zunächst nur attestierte Exzellenz ist erst einmal ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft mit viel großer Erwartung. Es gilt, diese Exzellenz, über die man an den ehrwürdigen Universitäten, die ihm als Beispiel dienen, gar nicht so viel spricht, sondern die man dort gewachsen – nicht dekretiert – einfach hat, im wissenschafts- und hochschulpolitischen Alltag auch zu leben und erlebbar zu machen. Ein Schild »Eliteuniversität« reicht da nicht.

Über die Ergebnisse in der Exzellenzinitiative hinaus brauchen wir eine bessere Koordinierung der Universitäten und der außeruniversitären Einrichtungen am Wissenschafts- und Forschungsstandort Berlin. Berlin muss seine Forschung- und Wissenschaftsressourcen bündeln, und dazu brauchen wir entsprechende Strukturen. Wenn Wissenschaft in der Tat der einzige Rohstoff ist, über den diese Stadt neben märkischem Sand verfügt, dann ist die Bearbeitung dieses Rohstoffs für die Entwicklung der Zukunft dieser Stadt von ganz entscheidender Bedeutung.

Dazu haben wir mit der Konzentration von Universitäten und hochrangigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf engstem Raum die besten Voraussetzungen. Wir müssen diese Voraussetzungen allerdings effektiver nutzen, und hier setzt das zöllnersche Konzept an, das ich nicht als Superuni bezeichnen würde, denn diese Bezeichnung lässt sich in der öffentlichen Diskussion zwar leicht zerlegen, wird aber diesem Vorschlag, wie ich ihn verstanden habe, nicht gerecht. Es geht um die strukturelle Verstetigung von dringend notwendiger Kooperation und eben auch darum, die finanzielle Absicherung von Spitzenforschung über das Jahr 2012 hinaus zu garantieren, wenn die Förderung ausläuft. Über den Weg kann man streiten, auch über die Bezeichnung, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es dazu dringend einer politischen Initiative bedarf wie der, wie sie Senator Zöllner ergriffen hat.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Jenseits aller Exzellenzdiskussionen muss allerdings Berliner Forschungs- und Wissenschaftspolitik gewährleisten, dass weiterhin die Förderung von Forschung in der ganzen Breite erhalten bleibt. Der Wettbewerb an der und um die Spitze darf nicht zu einer Schwächung der übrigen Bereiche und Institutionen führen, weil er die Starken noch stärker macht und den anderen die ohnehin geringen Mittel weiter entzieht.

Was ist eigentlich Spitzenforschung, und wer definiert sie? – In dem Moment, in dem Sie forschen, können Sie gar nicht definieren, ob das Spitzenforschung ist oder möglicherweise einmal wird. Beide aktuellen Nobelpreisträger haben nicht von vorneherein erkennbar in Bereichen der sogenannten Spitzenforschung gearbeitet. Will heißen: Wir brauchen weiterhin eine breit angelegte und in der Fläche geförderte Wissenschaftslandschaft. Die finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen müssen in der Breite der Hochschullandschaft, in der Verbindung von Forschung und Lehre, in der Verknüpfung von universitärer und außeruniversitärer Forschung, in der Verknüpfung von Grundlagen- und angewandter Forschung, in der Erfassung aller Wissenschaftsbereiche – Geistes-, Gesellschafts-, Natur-, Medizin- und Ingenieurwissenschaften – gesichert, verbessert und strukturell neu ausgerichtet werden.

Man achte auf das Wort »excellentia«: Es kommt aus dem Lateinischen – ich habe immerhin das Große Latinum – und steht sowohl für herausragende Leistung oder Qualität als auch für herausgehobene, höhere Stellung. Es besteht die Gefahr – und diese Ängste sind ja nicht unbegründet –, hier würden Universitäten erster und zweiter Klasse geschaffen. Der Prorektor der Universität Heidelberg, Tröger, hat das in der Heidelberger Studentenzeitung im Juli 2006 plastisch gemacht: Eine Universität wie München macht Top-Forschung, eine Universität wie Oldenburg macht fachbezogene Hochschulausbildung von Leuten, die auch gebraucht werden. Das ist nicht unser Weg für die Berliner Hochschulen, und deshalb werden wir hier in Berlin dafür sorgen, dass die entscheidenden Voraussetzungen für Spitzenforschung, nämlich die hohe Qualität von Lehre, von Studium und von Forschung in der Breite erhalten bleiben und weiterentwickelt werden.

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]

Sehen Sie die aktuelle Diskussion auch einmal unter diesem Aspekt: Berlin hat weit mehr Wissenschafts- und Forschungsressourcen, als von Exzellenzwettbewerben abgedeckt werden können. Es gilt, sie alle für diese Stadt nutzbar zu machen. Wir sind auf dem Weg. – Vielen Dank!

[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]


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